Erinnerungen eines Schlopper Jungen
Mein Elternhaus
Großvater Robert Stelter, geb. 14.04.1862 in Stieglitz im Netzekreis, wanderte von dort um 1885 nach Schloppe aus. Nach dem frühen Tod des Fleischers Schulz stand die Witwe Anna, geb. 22. 4. 1856 als Tochter eines
Försters in Fannyhof, Kr. Arnswalde, vor einer schwierigen Situation. Mit Robert fand Anna den Retter. Sie bot ihm die Einheirat in die bescheidene Fleischerei und Gastwirtschaft. Hochzeit 25. 9. 1886, zwei Kinder brachte Anna mit. Der Betrieb entwickelte sich, und es glückte ihnen, sechs Kinder über die Zeit zu bringen. Drei Mädchen und drei Jungen, von denen mein Vater Karl Stelter, geb. 23. 7. 1896 in Schloppe, der jüngste war. Er erlernte wie sein Bruder Walter das Fleischerhandwerk und durfte 1924 von seinem Vater, der schwer erkrankt war, den Betrieb übernehmen.
An der Friedrichstraße stand mit der Nr. 33 das Wohnhaus, darin auch zwei vermietete Wohnungen. Unten das .Fürstenzimmer" und ein weiterer Gastraum. Das .Fürstenzimmer" erhielt seinen Namen, weil hierin hochgestellte Persönlichkeiten bewirtet wurden. Unter anderen erinnere ich mich an General Blaskowitz, der mir beim Eintritt auf die Schulter klopfte und dabei sagte: "Du wirst sicher einmal ein tüchtiger Soldat“. Dieses Haus Nr. 33 war in Schloppe auch berühmt wegen der drei schwergewichtigen Männer, die darin wohnten: Großvater Robert, Onkel Hans sowie Herr Gerichtsassessor Köntopp. Zusammen brachten sie neun Zentner auf die Waage! Ich habe sie leider nicht mehr zu sehen bekommen, aber Vater berichtete oft über diese Kuriosität.
Etwas niedriger lag neben dem großen Haus die Nr. 34 mit Toreinfahrt und braunem Anstrich, das Geschäftshaus. Der Fleischladen mit großem Schaufenster nahm den breitesten
Platz ein. Mutter steht im alten Eingang zur Gastwirtschaft, an dem das Schild "DT" prangt: Vereinslokal der DeutschenTurnerschaft. Das nachgebende Fundament machte 1940 eine Erneuerung der gesamten Vorderfront notwendig. Im 1. Stock und im Anbau zum Hof, noch von Großvater begonnen, lagen die 10 Fremdenzimmer.
Am 13.12.1924 heiratete Karl seine Herta, Tochter des Schneidermeisters August Kroll und Hedwig Kroll, geb. Wendel, wohnhaft in Schloppe am Markt, gegenüber dem Stelterschen Haus. Herta war Sekretärin beim Schlopper Magistrat. Vier Jungen brachten Leben ins Haus: Heinz, geb. 1925, Erich, geb. 1927, Hans-Joachim, geb. 1930 und Gerhard, geb. 1940. Die beiden Großen bewohnten ein Zimmer in der 3. Etage der Nr. 33. Mein Reich, ein großer Raum mit viel Spielzeug, lag in der 2. Etage. Nach seiner Babyzeit kam Gerhards Bett dazu.
Mein großes Glück war, eine gütige Mutter zu haben. Bei ihr fand ich Liebe, Geborgenheit sowie die Erfüllung meiner Wünsche, sofern diese in ihr Konzept passten, und das tat es fast immer. Nach zwei Jungen sollte das dritte Kind unbedingt ein Mädchen sein. Deshalb musste ich mir gefallen lassen, dass Schleifen ins Haar gebunden wurden, dass ich in Kleidchen gehüllt wurde und dass die Töchter von Mutters Freundinnen samt
Puppenwagen ins Haus geholt wurden. Das Foto zeigt meine Begeisterung darüber. Mit Beginn der Schulzeit traten Jungen an die Stelle der Mädchen. Ich erinnere mich gern an die Fahrten nach Schneidemühl (warum nicht nach Deutsch Krone?). Mit Frau Gerda Neumann, Gattin vorn Taxiunternehmer Willibald Neumann, fuhr Mutter oft zum Einkaufen, ich durfte mit und bekam stets "Linol"-Soldaten, Militärfahrzeuge u.a. zur Vervollständigung meiner Wehrmacht, Der obligatorische Besuch im Cafe Fliegner eröffnete mir Einblick in das Reich der süßen Genüsse. Trotzdem hätte der kleine Stelter seine Mutti noch öfter nur für sich gehabt.
Vater war für mich der Held. Auf Wanderungen trug er mich weite Strecken auf seinen kräftigen Schultern, ohne zu ermüden, so z.B. bis in die Hopfenbrücher oder bis zum Schlossberg. Er war mehrmaliger Schützenkönig, Turnfestsieger, Obermeister der Fleischerinnung. Nachfolger zu werden, war mein Ziel. Ich durfte als Zwölfjähriger bereits mit seiner schweren Königsbüchse schießen, unter seiner Anleitung wurden erste Reck- und Barrenübungen geprobt. Einfache Stangen oder Rohrenden waren die Turngeräte. Er konnte aber auch seinen Kleinen auf den Schoß nehmen und mit ihm schmusen. Seine spiegelblanke Glatze ließ sich so gefühlvoll streicheln und war das Ziel vieler Küsschen.
Ich war ständig darauf bedacht, von meinen Brüdern Heinz und Erich zu lernen. Sie nahmen mich gern an die Hand, waren mir Lehrmeister, Helfer, Tröster. Charaktereigenschaften formten sie mit. Sie brachten mir Rollern, Radfahren, Klettern, Rollschuhlaufen, Schwimmen, Eislaufen, Umgang mit dem Schnitzmesser, Zielstrebigkeit, Genügsamkeit und Zähne zusammenbeißen bei. Bis zum Luftgewehrschießen lernte ich von ihnen alles, was ein Junge können musste. Von ihnen übernahm ich die teuren Geräte wie Fahrrad oder Luftbüchse, aber ich brauchte nie abgelegte Kleidung aufzutragen.
Leider war dem Krieg geschuldet, dass infolge der Einberufungen beide für mich zu früh das Elternhaus verlassen mussten. Sie fehlten mir sehr. Der kleine Bruder Gerhard war mehr als ein Ersatz. Ich war nun der große Bruder, mehr Aufsichtsperson und Erzieher. Bei eigenen Vorhaben erschien er manchmal hinderlich. Aber Freund Heinz Reetz war mit seinem Bruder in der gleichen Lage. Wir ertrugen die Kleinen gemeinsam.
Großmutter Hedwig, die bis zu ihrem Tod im Jahre 1941 bei uns wohnte, kümmerte sich liebevoll um mich. Sie schmierte Stullen, fütterte mich mit Anisplätzchen, bereitete Zuckereichen, las Märchen vor, erzählte Gruselgeschichten, brachte mir Kinderlieder bei und mich abends auch ins Bett. Sie hatte es nicht leicht, wenn sie den Versteckten unter dem Bett hervorholen wollte. Dazu nahm sie auch mal einen Besenstiel - blieb aber immer die liebe Oma. Tante Lieschen, Mutters Schwester Elisabeth Kroll, erfüllte alle Aufgaben einer stellvertretenden Mutter, besonders von der Zeit an, als Oma vom Alter gezeichnet war. Nach Fleischerei-Ladenschluss übernahm Mutter das Zepter in der Gastwirtschaft. Dann war Tante Lieschen für mich Oma, Mutter und Tante in einer Person. Sie versorgte und behütete mich, bei Krankheit pflegte und tröstete sie. Tante hatte die Gabe, mir ohne jedes böse Wort sehr viel fürs Leben mitzugeben, wofür ich ihr immer dankbar war.
Der Hof
Der Hof und die ihn umgebenden Gebäude boten einen idealen Entwicklungsraum vor der Auswilderung an das gefährliche Desselfließ, zum steilen Sandberg und in die Wälder um den Schützenplatz. Er hatte die Größe, nicht nur das Rollern zu üben, sondern später auch das Radfahren, weiträumige Achten zu fahren oder mit Freunden Fahrradgreif zu spielen. Wegen der guten Bedingungen plagte mich nie Langeweile, Freunde und Nachbarn stellten sich sehr oft ein. Dicht am Giebel des Anbaus lag eine Sandfläche, größer als zwei Buddelkisten, wo der Kleine mit Schaufel, Eimerchen, Sieb und Harke wühlen konnte.
Der Hof war so befestigt, vor dem Schlachthaus auch mit einer glatten Betonfläche, dass dem Heranwachsenden vielfältige Spiele möglich waren, auch Rollschuhlaufen. Die Pferdewagen waren manchmal so abgestellt, dass die Deichseln Hürden abgaben. Musste ich Vater aus dem Schlachthaus ans Telefon holen, wurde aus der Strecke über den Hof ein Hürdenlauf. Der Fleischermeister, auch mit Gummistiefeln und umgebundener Schürze, siegte immer. Auf dem Rückweg gab er Revanche, der Ausgang war stets dem Vorlauf gleich.
Im Bodenraum über Stallungen und Schlachthaus wurde im Sommer Getreide eingelagert. Während des Winters wurde es gedroschen, und der Hof veränderte sich in einen Strohlagerplatz. Wer annimmt, uns wurde dadurch der Spielplatz genommen, irrt. Lagern auf der höchsten Stelle des Strohberges (wann konnte man sonst auf die Nachbarhöfe sehen?), Höhlen bauen, Rutschpartien, Sprünge in die Tiefe, dicke Bäuche durch Stroh unter dem Pullover, was gab es nicht alles infolge des Strohberges auf unserem Hof, leider nur kurze Zeit.
Höchst interessant waren die Tage, an denen völlig überraschend, manchmal auch nachts, "Einquartierung" den Hof belegte. Ab September 1939 passierte das öfter. Mir bis dahin unbekannte Fahrzeugtypen standen exakt ausgerichtet in der Reihe, manche so groß, dass es schwer zu begreifen war, wie sie durch die enge Toreinfahrt gebracht worden waren. Ich durfte das Innere der Gelände-, Mannschafts- oder Panzerwagen entdecken, die eine oder andere Waffe in die Hand nehmen, auch ein Koppel umschnallen und einen Stahlhelm aufstülpen.
Beim Schweineabladen vor dem Waagehaus mussten wir dabei sein und hatten Spaß daran. Die Präsentation besonderer Schlachtexemplare vermittelte mir den Eindruck, Sohn des Fleischers zu sein, der die größten, fettesten und damit wertvollsten Tiere verarbeitete.

Es ereignete sich auch Unangenehmes auf dem Hof. Ein abgestellter Jauchewagen reizte die Neugier des kleinen Forschers. Hinten, unten am Fass, befand sich ein Stutzen. Kommt hier Jauche raus? Wie funktioniert der Entleerungsmechanismus? - Nach Hochschieben des Hebelarms fand der Jaucherest aus dem Fass über den Verteilerteller den handlungsunfähig Erschreckten. Der bestialische Gestank verlor sich erst nach mehreren Bädern.
Schäferhund "Prinz", Spielgefährte seit seiner Geburt, saß angekettet und traurig vor seiner Hütte. Ich nahm an, er bräuchte Zuwendung, ging hin und streichelte ihn. Beim Fortgehen schlug er mir seine Zähne (wegen seiner Enttäuschung?) in den Rücken. Das hatte sein Todesurteil zur Folge. Es wurde von Tierarzt Dr. Schmitz vollstreckt, und seitdem gab es auf dem Hof keinen Hund mehr.
Gebäude rings um den Hof
Der Betonboden der großen Garage, 1938 angelegt, bot beste Bedingungen zum Rollschuhlaufen. Meine Roller, größenverstellbar und mit Riemen unter den Schuhen zu befestigen, waren ein Geschenk von Tante Meta (Mutters Schwester) und Onkel Gustav aus Berlin. Wo in Schloppe sollte man auch solche Sachen kaufen? Diese seltenen Geräte wurden deshalb von Fuß zu Fuß weiter gegeben, und alle, die kamen, hatten ihren Spaß.
Mit Fahrrädern war meine Jungenschar besser ausgerüstet. Bei Regenwetter war die Garage für Kunstradfahren der Austragungsort, wenn auch mit mehr Stürzen als fahren. Aber was probierten wir nicht alles. Auf jeder Pedale ein Artist, rückwärtsfahren auf dem Lenker sitzend, Kniewaage dazu Knie auf dem Sattel, drei und mehr Radler auf dem Zweirad ... Mancher Sturz hinterließ infolge des Betonbodens blutende Wunden, aber wir waren harte Jungs, stiegen immer wieder auf.
Fünf Ställe einschließlich Hühnerunterkunft waren unregelmäßig belegt. Die schwankende Geflügelzahl hatte seine Ursache in den Vorlieben der Mittagsgäste des anerkannt wohlschmeckenden und reichlichen Stelterschen Essens. Wer wählte in der Lamm- oder Eisbeinsaison schon Hühnerfrikassee oder Brathühner?
Der Pferdestall war wegen des Temperaments der beiden Füchse Hans und Max tabu. Nur in Vaters Begleitung oder, wenn der Kutscher im Stall beschäftigt war, konnte ich den mir nicht unangenehmen Pferdeduft schnuppern.
Aber in den anderen drei Tierbehausungen herrschte teils gähnende Leere, teils Überfüllung. Anlieferung des Schlachtviehs und Schlachttage gaben den Rhythmus an, außerdem handelte mein Vater mit Zuchtrindern, die er von seinem Schwager Karl Meier aus Märkisch Friedland sowie seinen Cousins Ernst und Albert Stelter aus Schönlanke bezog.
Was herrschte für ein Jubel, wenn meine Freundeschar zum Hammelreiten eingeladen war! Ein kleiner Stall, ehemals für drei Kühe genutzt, war zeitweilig Unterbringung für Schafe und Kälber, die auf ihren letzten Gang warten mussten. Wir, zu dritt oder viert, stürmten in die Arena und sorgten für den gewollten Tumult. Der beweglichste oder auch kräftigste Hammel war der begehrteste. Aufsitzen und in der Wolle festkrallen war noch einfach, aber als stolzer Reiter oben zu bleiben, gelang uns meist nicht dauerhaft.
Ein größerer Garagenraum diente als Unterkunft für die Jungrinder, die nach Eintreffen eines Waggons oder des Schönlanker Lasters nicht direkt von den Kunden abgeholt wurden. Hier wäre ein Rodeo möglich gewesen. Aber das Schnauben der wohlgenährten Tiere, die an den freien Auslauf gewöhnt waren, ihre feurigen Augen und nicht zuletzt die Spitzen Hörner flößten uns Respekt ein, so dass Reitversuche unterblieben.
In Ermangelung anderer Reittiere stiegen wir auch in die Schweinekoben. Das ergab außer unangenehmen Geruchs der Kleidung auch einmal diese Folge: Ich saß in der Gesellenstube mit den Fleischern am Mittagstisch. Mein Teller war noch leer, als ich am Haaransatz im Genick spürte, dass dort etwas krabbele. Mit einer wischenden Handbewegung beförderte ich die Urheberin direkt in meinen Teller. Mein Ausruf: "Iiih, was ist das?" wurde vom Altgesellen Fritz Hallmann mit „Schweineläuse beißen dich nicht und bleiben auch nicht beim Menschen!" beantwortet. Trotzdem nahmen mich die Mielkes aus Mellentin zur Seite, suchten den Kopf ab und vermeldeten:"Keine weitere mehr drauf."
Nach einem Fahrradausflug ins Desseltal in Richtung Hugo Meyers Kamp lag im Heu über den Ställen in einem Kartoffelsack eingewickelt ein bescheidener Stapel Tabakblätter. Weil mein Interesse an Rauch-Erzeugung ständig wuchs, sollten diese noch grünen zu braunem Rauchtabak verwandelt werden. Gleichaltrige Tabakfachleute hatten mir erklärt: "Der Tabak muss schwitzen. Aufeinander gepresst, in einen braunen Sack gewickelt, unter Heu gelagert, wird er braun, dann getrocknet ... " Mehrmalige Versuche, auch mit Sonnenblumenblättern, (der Tabakbauer hatte inzwischen abgeerntet) ergaben stets eine dunkelgrüne matschige Masse. Also wurde das Rauchen noch zurückgestellt.
Der Heuboden war der Wohnbereich unserer Katzen. Sie durften nie ins Haus. Dieses Ausgegrenztsein ließ sie eine Scheu entwickeln, die fast Wildheit war. Ausgenommen davon war ihre Ernährung. Hatten die Samtpfoten alle Mitbewohner wie Mäuse und Ratten verspeist, versammelten sie sich vor dem Schlachthaus und bettelten. Die aus der Tür fliegenden Happen verschlangen die getigerten und gefleckten schnurrenden Spitzohren im Handumdrehen und waren schnell verschwunden. In ihre Refugien oder in die Nester mit den niedlichen Kleinen hätte ich gern hineingesehen. Nur, sooft auch der Heuboden von mir.abgesucht wurde, nichts war zu entdecken.
Das Schlachthaus zog mich intensiv in seinen Bann. Die drei Räume waren trotz des Sterbens der Tiere voll interessanten Geschehens: Das Schlachtgelass mit dem großen Kessel, der Seilwinde sowie einem Arbeitstisch; die Wurststube mit den Maschinen, die durch Treibriemen über eine Transmission angetrieben wurden, mit Arbeitstisch und Block; und nicht zuletzt die Räucherstube, eigentlich nur ein Zugang zu den Räucheröfen.
An Schlachttagen durfte ich bereits vor dem Schulalter Blut auffangen, mit dem Knochen Kalbsfelle ausstoßen, Hammelfelle auch mit der bloßen Faust. Nur beim Schweinebrühen musste ich den Raum verlassen. Ein Foto aus der damaligen Zeit dokumentiert das zeitige Heranführen an den Beruf. Die Gebrüder Stelter mit weißen Fleischerschürzen im Alter von 10, 8 und 5 Jahren. Die unterschiedlichsten Menschen erfüllten den Gewerbebereich mit Leben. In meiner frühesten Kindheit erlernte Cousin Willi Meier aus Märkisch Friedland bei seinem Onkel, meinem Vater, das Fleischerhandwerk. Auf Willi folgte Hans Meyer, Sohn von Kaufmann Hugo Meyer. Die Brüder Josef und Paul Mielke aus Mellentin gaben sich die Klinke in die Hand und blieben noch als Gesellen. Mein ältester Bruder Heinz durchlief die Ausbildung im väterlichen Betrieb, um diesen später fortzufuhren. Den Reigen der Lehrlinge schloss im Jahre 1944 Gerhard Icker ab.
Seit Beginn meiner Erinnerungen war Altgeselle Fritz Hallmann der ruhende Pol im Getriebe, bis er in den Krieg musste. Im letzten Jahr der Existenz bewältigte ein Völkergemisch die Arbeit, die infolge der Belieferung der zahlreichen Küchen für die Schipper (Ostwallarbeiter) enorm zugenommen hatte. Albert Hennemann wurde aus seinem Rentnerdasein zurückgeholt und übernahm das Kommando, denn Vater musste auch im Laden hinter der Theke stehen, weiterhin den Viehhandel betreiben sowie die Buchführung bewältigen. Im Schlachthaus wirkten Albin Schmidt, ein Stettiner, der froh war, als Fleischer aus seinem Schippereinsatz herausgelöst worden zu sein; Paul Mengue, Besitzer einer ansehnlichen Fleischerei in der Normandie, die er mit Stolz auf Fotos präsentierte, in Schloppe ein kleiner Kriegsgefangener; der Pole Kasimir, vorher Betreiber einer Fleischerei in Warschau, ein stattlicher, schlanker, blonder Mann; ein kurzes Gastspiel gab Jesus (Ich heiße Jeschuuus! = stimmhaftes sch und langes u, so wollte er es von uns hören, keiner hielt sich daran), nach Auflösung der spanischen "Blauen Division" war er nach Schloppe abkommandiert worden. Der arme Albert Hennemann musste aus diesem Gemisch eine funktionierende Mannschaft formen, was ihm gut gelang.
Mein liebster Tag war der Donnerstag = Brühwursttag. Würstchen und Dampfwurst hatte ich mir bald übergegessen. Aber wenn Fritz Hallmann die erste Jagdwurst zum Test aus dem Kessel nahm, um das ″Durchsein″ dieses Wurstmachermeisterstücks festzustellen, feierlich das Messer nochmals über den Stahl zog (es war eigentlich scharf genug), es ansetzte, wobei seine Kerbe zwischen Kinnspitze und Unterlippe leicht bebte, die dampfende Wurst anschnitt, lief mir, wie sicher ihm auch, das Wasser im Mund zusammen. Aus der Wursthülle quoll in sanfter Wölbung die saftige fleisch- und fettstückchendurchsetzte dampfende Wurstmasse. Hiervon eine Scheibe zu bekommen, vom Meister auf die Messerspitze gespießt, war solch Genuss, dass ich den Wohlgeschmack noch heute auf der Zunge verspüre.
In der Wurststube staunte ich über das Funktionieren von Wolf, Kutter, Fettschneider und Stopfmaschine. Transmission und Treibriemen ratterten, surrten und klatschten; ich war beeindruckt von den Gesellen, die zu zweit, bis an die Ellenbogen in der Dauerwurstmasse, diese durchkneteten; beobachtete die Techniken beim Abbinden der von der Stopfmaschine gleitenden Würste. Niedlich sah es aus, wenn aus der langen Würstchenschlange mit Daumen und Zeigefinger stets gleich lange Stücke abgeteilt wurden, die mit einem Schwung aus dem Handgelenk zu den beliebten Stelterschen Würstchen wurden.
Nicht nur im Elternhaus, auf dem Hof und in den ihn umgebenden Gebäuden spielte sich mein Leben ab, auf den Dächern lag eine weitere Welt. Diese war zunächst schwer zu erreichen, dann gefährlich, aber interessant .Mit Hilfe einer Leiter auf die Pappdächer der niedrigen Schuppen zu klettern, war kein Problem. Man war nur im Blickfeld aller, die um die Sicherheit der Kletterer besorgt waren - also kam sofort der Rückpfiff.
Anders verhielt es sich mit dem Dach des Eiskellers, einem Anbau an das Schlachthaus. Dieser Klinkerbau besaß an der Seite der Einwurföffnung eine Bauweise, bei der die Eckziegel eine Handbreit übereinander ragten, wodurch eine Leiter entstanden war, die zum Erklimmen des Blechdachs einlud. Wie schallte es, wenn wir hüpften oder trampelten! Bei Sonnenschein im Sommer, barfuß aufgestiegen, kam es infolge des heißen Blechs zu lustig anzusehenden Tänzen. Vom Eiskellerdach über das Schlachthaus hinweg waren auch alle anderen Schuppendächer zu erreichen, aber im ungewollten Blickfeld der Personen, die Macht über mich ausüben konnten, also wurde diese Tour nicht unternommen.
Von den Dächern wieder auf die Erde. Von den Erinnerungen an die Kindheit wieder zur Wirklichkeit. Warum musste das Elternhaus und alles von Generationen vorher Geschaffene vernichtet werden? Warum sind die Stätten der Kindheit nicht mehr auffindbar?
Mussten die einen alles verlieren? Andere behielten alles.
Diese Fragen sind nicht zu beantworten. Nur die Tatsache konnte ich mit Mutter sehen, als wir nach dem Krieg bei unserem ersten Besuch der Heimat in Schloppe vor dem standen, was einmal war, vor Entsetzen starr: - - - -ausgelöscht!
Hans-Joachim Stelter
Carlstraße 36
17235 Neustrelitz
ehemals: Schloppe
Friedrichstraße 33-35