Eine Reise in die alte Heimat nach Tütz und Mehlgast im Juli 2011
Meine letzte Reise in die Heimat lag bereits 3 Jahre zurück und so hatte ich den Wunsch wieder einmal wenigstens eine Woche dort zu verbringen. Vor drei Jahren war ich mit einem Heimatfreund gefahren, und wir hatten herrliches Sommerwetter, so dass wir mehrmals in den Tützer Seen badeten. Deshalb wählte ich auch diesmal wieder Ende Juli in der Hoffnung, gutes Wetter anzutreffen. Der Entschluss war gefasst, jetzt hieß es, Mitreisende zu suchen, denn allein macht es nicht viel Spaß. Eine sichere Truppe kannte ich schon, das waren Ursel und Gottfried Koltermann aus Tütz und Freudenfier, die jedes Jahr fahren. Das wurde dann in Bad Essen beschlossen, und sie machten mich noch mit zwei Schwestern aus Tütz bekannt, von denen eine, Erika Hübner, auch Zustimmung signalisierte.
So standen vier Teilnehmer fest. Das reichte aus. Erika Hübner war in Tütz geboren, aber ihre Mutter stammte aus meinem Heimatdorf Mehlgast. Dadurch bekam die Reise noch eine besondere Note. Wir beschlossen, auf jeden Fall die Schäferei aufzusuchen, auf der ihre Mutter aufgewachsen ist.
Eine andere Heimatfreundin, Maria Leue, geborene Anklam, wohnt in Glienecke in Brandenburg. Sie wäre gern mitgefahren, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen nicht eine ganze Woche reisen, da sie pflegebedürftig ist. Wir versprachen ihr aber, dass wir sie auf dem Hinweg besuchen würden. Bei diesem Besuch verging die Zeit wie im Fluge, denn es gab so viel zu erzählen. Sie war unsere Postbotin im Dorf gewesen und kannte deshalb auch jede Familie, und Anklams Mietzie, wie sie bei uns hieß, ist heute noch ein richtiges Kommunikationszentrum. Sie telefoniert regelmäßig mit vielen Heimatfreunden. Sie gab uns dann noch verschiedene Kleider mit, die wir bei der Familie in ihrem Haus abgeben sollten. Am nächsten Tag fuhren wir dann weiter, damit hatten wir die Strecke geteilt, und die restliche Autofahrt war nicht mehr so lang. Wir fuhren in Küstrin über die Grenze, wo es keinerlei Kontrollen mehr gab. Über Landsberg an der Warthe, Woldenberg und Schloppe ging es dann auf der alten Reichsstrasse Nr. 1 weiter nach Tütz.
Ich kenne seit 1977 eine polnische Familie mit Namen Szalapski in Eichfier, die Mutter der Frau hatte 1945 einen Polen geheiratet. Als wir 1977 das erste Mal nach Mehlgast kamen, waren sie dort auf dem Gut Verwalter. Nette Leute mit denen wir seit der Zeit in Kontakt blieben. Henia Szalapska pflegt auch den Gedenkstein der Eichfierer Heimatgruppe. Wir riefen sie an und trafen uns am gleichen Tag noch im Tützer Schloss, welches unser Hotel war. Wir saßen vor der Tür beim Bier, als die Koltermanns von ihrem Tagesausflug zurück kamen. So war die Gruppe schon mal zusammen. Wir verabredeten mit Stefan und Henia Szalapski einen Besuch für Dienstag und bestellten uns für den Tag eine Mahlzeit Pfifferlinge. Stefan kannte sich als Forstgehilfe zwar sehr gut im Wald aus aber Rehpötchen, wie die Pfifferlinge bei uns hießen, fand er nicht, dafür mussten wir lauter Steinpilze essen, keine schlechte Alternative – oder? Dann fuhren wir auch nach Mehlgast um die Kleider von Maria Leue abzugeben. Da wir nicht der polnischen Sprache mächtig waren, brauchten wir Henia als Dolmetscherin. Die Frau freute sich und zeigte uns nachher noch die Kirche, die wie immer in sehr gutem Zustand ist. Wir fragten sie dann noch, wer auf ihrem Nachbargrundstück das Haus baut. Wir erfuhren, dass dort ihr Sohn baue, der in Lodz arbeitet. Das Grundstück gehörte nämlich meinem Onkel Johann Rump – ich hätte eigentlich fragen müssen, wer es ihm verkauft hat. Auf unserem Grundstück, was kein gutes Ackerland war, wachsen Kiefern, Birken und Eichen, von selbst gesät, mehr als 50 Jahre alter Baumbestand. Ich habe eine junge Eiche aus dem Boden gezogen und in meinem Garten eingepflanzt. Ich hoffe, dass sie anwächst. Wir erkundigten uns dann noch nach dem allgemeinen Leben in Mehlgast. Wir erfuhren, dass Mehlgast etwa 120 Einwohner mit ca. 50 Haushalten hat. Zu unserer Zeit waren es 360 Einwohner in 90 Haushalten. Vier oder fünf Bauern betreiben noch Landwirtschaft. Der größte heißt Buchala, er wohnt in der Siedlung im Haus von Anastasius Klatt. Er hat viel fruchtbares Gutsland gepachtet und soll erfolgreich sein. Er hat den Gutsspeicher gekauft und seiner Tochter dort eine Wohnung ausgebaut.
Jetzt stand der Ausflug zur Mehlgaster Schäferei an, den wollten wir zu Fuß machen, eine Strecke von etwa 12 bis 15 km von Tütz aus. Koltermanns wollten nach Deutsch Krone fahren, boten uns ein paar Kilometer Mitfahrmöglichkeit an, was wir gern annahmen. So schafften wir schon einmal den halben Weg nach Mehlgast ohne Anstrengung. Dann ging es aber querfeldein, denn die Schäferei liegt von Mehlgast aus hinter dem großen Mehlgastsee an der Gemeindegrenze nach Tütz. Es war herrliches Sommerwetter und zum Wandern nicht zu heiß. Wir hatten keine aktuelle Wanderkarte sondern nur eine Karte aus deutscher Zeit, und wir orientierten uns am Stand der Sonne, denn wir wollten uns auch nicht unnötig weit von Tütz entfernen. Nach etwa einer Stunde hatten wir die Schäferei gefunden, genauer gesagt was davon noch übrig war. Es standen noch die Mauerreste des Schafstalles, dessen Abmessungen etwa 40 X 15 Meter waren. Die Mauern bestanden aus Findlingen wie sie auch in der Mehlgaster Kirche verwendet wurden. Pfeilsdorf beschreibt in seinem Heimatbuch des Kreises Deutsch Krone, dass die Kirche 1830 erbaut wurde. Es ist anzunehmen, dass der Schafstall zu der gleichen Zeit erbaut wurde. Die Flurbezeichnungen waren Werder und Hinterwerder, dort waren Brücher und Sümpfe. Hier soll die erste Ansiedlung gestanden haben, die sich durch diese Lage gut verteidigen ließ. Später war hier ein Vorwerk der Familie Wedel von Schloss Tütz. Die Grenze zu Mehlgast ist auch in der Gründungsurkunde der Stadt Tütz von 1331 erwähnt, also ein richtig geschichtsträchtiger Ort. Wo das Wohnhaus gestanden hatte, stand jetzt ein Finnisches Nurdachhaus, welches dem Förster als Ferienhaus dient und welches er auch vermietet. Das Grundstück liegt am See mit einem richtigen Bootsanlegesteg. Also sehr idyllisch für jemanden, der einen erholsamen Urlaub machen will. Wir wanderten weiter und kamen noch am Jungfernsee, am Pinnowsee und am Schmalen Mehlgastsee vorbei. Der Weg ging durch einen Mischwald, der Halbschatten bot, was uns angenehm war. Nach weiteren zwei Stunden erreichten wir die Landstrasse Schloppe-Tütz. Nun noch zwei bis drei Kilometer – dachten wir –, denn erste Ermüdungserscheinungen machten sich bemerkbar. Als wir eine Weile die Asphaltstrasse gelaufen waren und unser Schloss oder Kirchturm noch immer nicht sahen, wünschten wir, dass Koltermanns vorbei kämen. Aber sie kamen nicht – sie suchten uns in Mehlgast in der Annahme, wir seien nachher ins Dorf gegangen, dort waren wir aber nicht. Wir sprachen dann einen Bauern auf seinem Acker an, der ein Auto an der Strasse stehen hatte. Wir hatten Glück, er nahm uns mit. Er sprach genügend deutsch, er war lange Jahre Bürgermeister in Tütz, fuhr uns vor das Hotel und lehnte auch die Sloty ab, die ich ihm geben wollte. So kam es zum harmonischen Abschluss unseres erfolgreichen Ausflugs.
Am nächsten Tag nahmen wir uns zusammen mit Koltermanns eine Fahrt über verschiedene Dörfer vor. Wir besuchten Schulenberg, Knakendorf, Spechtsdorf, Stibbe und Strahlenberg. In Schulenberg ist das Gutshaus sehr ordentlich restauriert und es ist ein Cafe eingerichtet. In Knakendorf gingen wir auf den Friedhof, um nach den Gräbern der 11 Männer zu sehen,
die 1945 von Russen erschossenen worden waren. Da wird besonders das Priestergrab von Erich Steinke, der auch am 12.02.1945 dabei war, gepflegt.
Ursel Koltermann kümmert sich darum. So wird man immer wieder einmal an die schlimme Zeit von 1945 erinnert, die Kunibert Buske aus Schulzendorf so drastisch in seinem Buch „Pommerland ist abgebrannt“ beschreibt. Als nächstes Dorf steuerten wir Spechtsdorf an, wo der Urgroßvater von Erika Hübner herstammte, der dann um 1900 als Schäfer nach Mehlgast gezogen war. Weiter ging es nach Stibbe, wo wir auch den Friedhof suchten, ihn aber nicht fanden. Offensichtlich scheiterte unsere Suche aber an Sprachproblemen. Über Strahlenberg ging es dann wieder nach Tütz zurück. In den Dörfern trifft man wenige Leute, wenige Kinder, nur alte Leute. Die jungen Menschen sind offensichtlich außerhalb ihres Dorfes in Arbeit. Der einzige vernünftige Arbeitgeber in Tütz ist eine Schockoladenfabrik, die vor ca. 20 Jahren von dem Schokoladen Unternehmer Ludwig aus Aachen aufgebaut worden war und auch heute noch ca. 300 Mitarbeiter rund um die Uhr beschäftigt. Es werden die Marken Trumpf und Mauxion hergestellt. Das Unternehmen wechselte schon mal den Besitzer, es gehört jetzt zur Krüger-Gruppe aus Saarlouis. Freunde von Koltermanns haben einen Sohn, der dort als Projektingenieur beschäftigt ist. Wir trafen uns mit ihm auf dem Wochenmarkt und wurden gleich zum Kaffee eingeladen. Beim Kaffeetrinken erfuhren wir, dass der junge Mann eine Firma gegründet hatte, in der er mit Genehmigung seines Chefs Etiketten für die Schockoladenfabrik herstellt. Mich interessierte das, denn in meiner Firma haben wir ähnliche Maschinen. Er zeigte mir dann die Maschine, die er gekauft hatte, und wir konnten einige Erfahrungen austauschen. Sein Vater war Landwirt, er hatte in Schulzendorf Johannisbeerfelder. Sein Bruder hatte Jura studiert, wollte aber nicht von Tütz weg. So hat er an der Hauptstraße nach Märkisch Friedland eine Tankstelle aufgemacht und ist dort selbständig. Das sind doch alles positive Entwicklungen. Man spürt, dass Polen längst in Europa angekommen ist. Bei einem Stadtrundgang durch Tütz machten wir Fotos vom Elternhaus von Sophie Klinger, geborene Ölke, welches neben dem gepflegten Kloster liegt. Dann ging´s an einer Laubenkolonie vorbei zur Bahnhofstrasse. Dort ist das noch sehr gut erhaltene Haus von dem Bauunternehmer Boese. Es ist zum Teil mit glasierten Klinkern erbaut, wie früher die Postämter. Und das hält ewig! In Tütz gibt es noch ein zweites Hotel, wo wir ab und zu einkehrten. Etwas entfernt ein vollbesetzter Tisch. Ursel Koltermann fragt: „Haben Sie auch Wurzeln in Tütz?“ Die Antwort lautet:„In Mehlgast waren die Vorfahren zu Hause!“ Lück und Nowatzki waren die Namen, und da gab es natürlich einiges zu erzählen. Wir trafen noch eine Frau von Waldow mit Tochter und Enkel. Der Vater war Leiter des Postamtes in Tütz gewesen. Bei den Nazis war er in Ungnade gefallen und hatte seinen Posten verloren.
Einen Ausflug machten wir nach Marthe, einem Dorf einige Kilometer von Tütz entfernt. Wir fuhren langsam die unbefestigte Dorfstraße entlang, als ein Mann in einem Vorgarten auf uns zukam. Wir hielten an, um uns mit ihm zu unterhalten. Er war Forstangestellter, und seine 89 Jahre alte Mutter sei noch eine Deutsche. Die müssten wir unbedingt kennenlernen. Kaffee und Kuchen wurden aufgetischt, und der Karton mit Bildern herausgeholt mit Fotos von Deutschen, die alle schon einmal dort waren. Ein halbes Haus hätten sie für Gäste frei. Das haben wir dann auch noch besichtigt. Also ebenfalls ein sehr freundlicher Empfang. Nach Deutsch Krone sind wir an einem Tag auch gefahren. Es machte einen guten Eindruck. Vor drei Jahren war die Kanalisation auf der Hauptstraße erneuert worden, und entsprechend hatte es Baustelle an Baustelle gegeben, aber jetzt war alles fertig. Wir schauten auch nach dem Haus von Anneliese Beltz am Buchwald, trafen sie aber nicht an. Ihre Nachbarin klagte, dass sie monatelang nicht mehr dort gewesen sei. Nach Schneidemühl fuhren wir dieses Mal nicht, wir waren vor drei Jahren dort gewesen. Den Mississippidampfer auf der Küddow fanden wir ganz nett und haben dort auch gegessen. Der Verkehr in der Stadt ist wie in einer Großstadt, kein Vergnügen für Autofahrer. Alles in allem aber haben wir eine wirklich schöne Zeit erlebt– wir wurden nicht enttäuscht – deshalb also das Fazit: Wer es sich gesundheitlich leisten kann, sollte noch einmal in die alte Heimat fahren. Die Polen merken, dass die Heimwehtouristen weniger werden, sie hätten es gern, wenn mehr junge Leute kämen.
Franz Rump
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